Stadtkirche 2

1707

Nach dem Verkauf der Grafschaft für 300.000 Reichstaler ist Lengerich preussisch.

1723

Minden wird preußisches Verwaltungszentrum für die Provinzen Minden, Ravensberg, Tecklenburg und Lingen auch in kirchlichen Angelegenheiten.

Die Beantwortung mancher Fragen dauert nun über ein Jahr. Folge: das Interesse an gesamtkirchlichen Aufgaben schwindet. Weder Synoden, noch Presbyterien kommen regelmäßig zusammen.

1738

Beginn des "Papenkriegs" in der Stadtkirche:

Zunächst war es eine Schlägerei in der Stadtkirche, als das Prebyterium dem Bauern Erpenbeck einen neuen Kirchstuhl einräumte. Besonders die Frauen waren aktiv und bestreikten anschließend den Gottesdienstbesuch.

Zu einer Neuaflage kam es, als bei der Pfarrwahl 1743 die Minderheit der "Feinen" mit 30- 40 Stimmen den pietistisch gesinnten Pastor Ardels durchsetzten.

Der Gegenkandidat Pastor Wedde (380 Stimmen) bekam letztendlich 1747 die 2. Pfarrstelle, aber Ruhe kehrte erst 1748 ein (nach mehreren Verhaftungen, dem Einsatz zweier Kompanien und der Versetzung der beiden Pastoren.)

1755

Nach der Familie Voßding (17. Jh.) gelingt es nun der Familie Smend sich über drei Generationen zumindest eine der beiden Pfarrstellen zu sichern.

Florens Jakob Smend

Den Anfang macht der Onkel Ernst Smend (1723- 47 Pfarrer in Lengerich). Nach kurzer Pause folgen:

  • Rudolf Smend
    1755- 1819 (1768 von 2. auf 1. Pfarrstelle),
  • Florens Jacob Smend
    1819- 1845 (2. Pfarramt, 1830 Superintendent),
  • Friedrich Hermann Smend
    1843- 1857 (1852 von 2. auf 1. Pfarrstelle).

Das Pfarrhaus Münsterstr.

Bereits unter Rudolf Smend wechselte das Pfarramt vom Kirchplatz zur Münsterstr. 19.

Eberhard Jacob Kriege

Der Familie Kriege gelingt es ebenfalls, die Pfarrstelle von Vater auf Sohn weiterzureichen:

  • Arnold Kriege
    1773- 1807
  • Eberhard Jacob Kriege
    1807- 1852

Die Familien Smend und Kriege sind miteinander verwandt.

Einblicke in den vorindustriellen Alltag (1789)

EINKOMMENSVERHÄLTNISSE

Die "Summarische Mutterrolle der besteuerbaren Rein-Erträge von den Liegenheiten der Gemeinde Lengerich 1831" belegt die Attraktivität der 1. Pfarrstelle in Lengerich:

  • Pastor Eberhard Jacob Kriege (1. Pfarrstelle) wurde mit 27 Thalern veranlagt,
  • Pastor Florens Jacob Smend (2. Pfarrstelle) dagegen nur mit 11 Thalern.

Zum Vergleich: Pastor Hermann Kriege (Lienen) zahlte 5 Thaler.

Die 1. Pfarrstelle in Lengerich ermöglichte somit den Aufstieg in die oberen 15% der Gesellschaft und war entsprechend begehrt.

1760

Die Stadtkirche ist offen für gelegentliche Gottesdienste der lutherischen Minderheit.

1765/6

Lingen ist nun die den Gemeinden übergeordnete Kirchenbehörde. Nicht mehr die Synode, sondern zwei Inspektoren regeln die Kirchenangelegenheiten.

Die letzte tecklenburger Synode hatte 1746 getagt.

1803

Mit der Säkularisierung des Fürstbistums Münster und seinem Anschluss an Preußen soll nun Münster Sitz des Konsistoriums für Westfalen werden (1816 verwirklicht).

1804

Keine Freude haben die Lengericher mehr an ihrer Orgel: "Offenbar ist die elende Orgel, welche wir besitzen, hauptsächlich Schuld, dass in unserer Kirche beynahe kein einziger Gesang recht gesungen wird." (Presbyterium an Inspektor Snethlage)

 

1805

Ein Blitz schlägt in den Turm der Stadtkirche und löst auf der Nordseite der Kirche einen Brand aus, der gelöscht werden konnte.

Lengerich 1805

Lebensmittelration für Besatzer (Nov. 1806)

1806- 13

Lengerich ist von den Franzosen besetzt. Zeitweise muss Lengerich bis zu 2.000 Soldaten ernähren.

Einwohnerzahlen 1811

Landwehrkreuz 1813

1813- 15

Nach dem Märzaufruf "An mein Volk" beginnen 1813 die Freiheitskriege gegen Napoleon.

Noch vor von Bülows Proklamation (Nov.) an die Menschen von Münster bis Ostfriesland, sich im Landsturm hinter Preußen zu stellen, hatte die französische Garnison bereits Lengerich verlassen (Okt.).

Der preußische Patriotismus findet nun auch in der ehemaligen Grafschaft Tecklenburg ein Zuhause.

1817

Wilhelm III. lässt Ende Januar in ganz Preußen durch die Konsistorien verbreiten, dass "die Geistlichen beider protestantischen Confeßionen sich zu Einer Synode vereinigen" sollen.

Besonders auf reformierter Seite ist dagegen ein Festhalten an einer presbyterial-synodalen Kirchenform feststellbar. 

Ein jahrzehntelanges Ringen mit der von Preußen angestrebten Konsistorial-Verwaltung ist die Folge. So wird die 1822 vorgeschlagene Agende abgelehnt und auf dem Recht bestanden, dass nicht der König, sondern z.B. die Synodalversammlung den Superintendenten wählt wie die Gemeinde ihre Pfarrer.

Positionen von 1568, die nicht nur 1817 sondern auch 1933 wieder aufgegriffen werden.

Luise Snethlage, geb. Engels

1818

Bei Pastor Kriege lebt die 19jährige Luise Engels (Schwester von Friedrich Engels sen.), ein Anzeichen von vielen für die enge Verbindung mit dem rheinisch-bergischen Pietismus (u.a. mit den aus Wechte stammenden Brüdern Hasenkamp).

1821

In der Münsterstr. erhält Lengerich mit der Synagoge ein zweites Gotteshaus. Beim Richtfest hatte Pastor Smend auf Bitten der jüdischen Gemeinde ein Gebet gesprochen.

1822

Von den 5.642 Einwohnern Lengerichs wohnen nur 1.173 auf dem Stadtgebiet.

Hook 15 mit bereits umgebauter Scheune

1823

Das Pfarrhaus Hook 15 ist einzugsbereit.

Altstadthaus in der Mitte, wo Enoch Benjamin lebte.

1826

Ab dem 9. Oktober finden erste Beerdigungen nicht mehr auf dem Kirchhof sondern außerhalb auf dem "Alten Friedhof" statt. Das Gelände wird bald erweitert durch ein Grundstück, das zuvor dem Ellen- und Kurzwarenhändler Enoch Benjamin gehörte. 1856 kommt es zur letzten Beerdigung auf dem Kirchhof.

In Lengerich wohnen ganze 5 Fabrikarbeiter.

1829

Florens Jacob Smend wird zum Superintendenten und Schulinspektor ernannt. Engagiert bringt er sich in die noch zu gründende jüdische Elementar-Schule ein. Dem Bildungsideal seiner Zeit (Aufklärung) verpflichtet schrieb er:

"es sei besser, erst aus den Judenkindern einer unwissenden, weil verkommenen Gemeinde, denen es aber nur nicht an treffli­chen Anlagen und Kräften fehlt, Menschen und rechtschaffene Israeliten zu bilden, und auf diesem Wege es dann zu erreichen, daß sie das Christentum zu würdigen und es in seiner Wahrheit und Fürtrefflichkeit auf dem Wege offener und freier Ueberzeugung zu seiner Zeit anerkennen und anzunehmen lernen." (1833)

Über Jahre hinweg entsteht eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Benjamin Wolff (Lehrer an der jüdischen Schule 1832- 36).

1831

Friedrich von Bodelschwingh d. Ä. wird am 3. April in der Stadtkirche getauft. Wenige Wochen später zieht die Familie um nach Köln.

 

1832

Zur Unterstützung der Rheinischen Mission gründet Pastor Eberhard Jacob Kriege die Tecklenburgisch-Oberlingensche Missions-Hülfs-Gesellschaft.

1832: Von den 6.205 Einwohnern in Lengerich sind 97,6% evangelische Christen.

 

 

Typische Anzeigen (1880er)

1833

Mit dem 27 jährigen Ernst Kortkamp aus Schollbruch beginnen die Auswanderungen nach Amerika. Allein bis 1867 machen sich im Durchschnitt 25 Lengericher jährlich auf die beschwerliche Reise.

Die Behörden schwanken in ihrer Meinung: einerseits begrüßen sie die Reduzierung des Bevölkerungsdrucks, andererseits sehen sie Potenzial in einer intensiveren Nutzung der noch allen gehörenden Mark.

1835

Die Synode Tecklenburg tritt der preußischen Unions-Kirche bei.

Die Rheinisch-Westfälische Agende wird eingeführt. In Lengerich findet sie zunächst kaum Beachtung. Noch 60 Jahre lang werden eingangs die reformierten Psalmen gesungen.

Eine Anekdote am Rand: bis 1913 erfolgen in Lengerich Taufen wochentags unter Ausschluss der Mütter.

Bis heute wohl gültige Beobachtung der Agende von 1834...

1835-37

In der Stadtkirche wird die mächtige Breidenfeld Orgel mit damals 24 Registern eingebaut.

Innenansicht nach der Elektrifizierung (1909) *

Eine dritte Empore wurde an der Südwand (rechts) errichtet.

Welch ein Chaos die Ausrichtung der Bänke auf die Kanzel bei vollbesetzten Gottesdiensten bewirkte, zeigt eindrucksvoll das Bild rechts, wo ein Teil der Gemeinde sitzbedingt dem Pastor am Abendmahlstisch den Rücken zukehrt.

Da der Eingang noch zum Portal an der Südseite ist, gibt es keinen Mittelgang im Hauptschiff.

Die Gottesdienst wurden vormittags (Predigt) und nachmittags (Katechismus) gehalten.

1846

Die Frau von Pastor Kriege unterstützt das Rauhe Haus in Hamburg.

Die Pastoren Smend und Kriege unterstützen die Anliegen der Evangelischen Allianz.

1847

Friedrich Hermann Smend steigt auf vom Hilfsprediger (seit 1843) in die 2. Pfarrstelle.

Zur Unterstützung von Pastor Kriege wird sein ehemaliger Hohner Konfirmand Eberhard Hermann Röttger als Hilfspfarrer angestellt (zuvor Missionar in Riau, Indonesien).

Auch in Lengerich war es zu Ernteausfällen gekommen:

Das Notjahr 1847

1848

Pastor Friedrich Hermann Smend ist Mitbegründer der liberalen Bürgerwehr, die proletarische Aufstände verhindern soll.

Bei der Hissung der schwarz-rot-goldenen Fahne Ende März unterstreicht er die Pflicht, aller "Unordnung und Anarchie" entgegen zu treten.

Friedrich Ludwig Mallet

Am 20./21. Juni findet in Lengerich eine evangelische Konferenz statt mit 100 Teilnehmern (darunter 33 Pastoren) bei der kritische Töne zum Versagen von Kirche und Staat zu hören sind.

Durch die Predigt von Friedrich Ludwig Mallet wendet sich die Stimmung von einer Parteinahme zur Aufgabe einer Kirchenreform. Dabei sei im Sinne einer Absonderung von der Welt eine Trennung von Kirche und Staat "als von Gottes Hand dankbar anzunehmen." Die Teilnehmer waren sich einig,

"daß in dieser außerordentlichen Zeit auch außerordentliche Thätigkeiten zu entwickeln seien."

Ergebnis: Ein Ausschuss wurde gebildet, der weitere Konferenzen ermöglichen soll.

Pastor Smend nimmt im September teil an der "Wittenberger Versammlung für Gründung eines deutschen evangelischen Kirchenbundes", bei der Hinrich Wichern eine bedeutungsvolle Rede zur sozialen Verpflichtung der Kirche hält, wie Unruhen zu vermeiden sind.

Eberhard Hermann Röttger

1849

Durchaus im Sinne der "Inneren Mission" gründen die Pastoren Smend und Röttger einen Verein, der verwahrloste Kinder Pflegeltern zuordnet, die sie zu Kirchgang, Schulbesuch und Arbeit erziehen sollen.

Pastor Röttger: "In unserer Landgemeinde von etwa 4.500 Seelen wüßte ich kein verwahrlostes Kind mehr, das nicht untergebracht wäre; in der Stadt von etwa 1.500 Seelen haben wir mehrere, die uns die Eltern bis jetzt nicht verabfolgen lassen wollten, oder, wenn sie uns einige zur Unterbringung verabfolgen ließen, so sind mehrere ohne unser Wissen und Wollen zu den Eltern zurückgekehrt.

Mit den Kindern vom Lande dagegen hat es gar keine Schwierigkeit; sie bleiben gern bei den Pflegeeltern, wo sie Arbeit sehen, Arbeit lernen und zur Schule und Kinderlehre angehalten werden...

Das Umherbummeln und Betteln der armen Kinder hat in der Landgemeinde ganz aufgehört; in der Stadt kommen wir dem Ziele immer näher und werden endlich alle Arbeitskräfte in der Gemeinde nützlich machen."

1852

Amtsblatt des Königlichen Consistoriums Münster

Kanzel (nach 1910) *

1853

Die Pfarrer Friedrich Hermann Smend und Eberhard Hermann Röttger stellen am 12. April die "neue Kanzel" auf, die von Adelheid Kriege zum Andenken an ihren verstorbenen Mann Eberhard Jakob gestiftet wurde.

Interessant an der Urkunde zur Kanzelstiftung sind auch die zugefügten Zahlen:

2.553 Menschen nehmen am Abendmahl teil (42%).

1857

Nachdem Pastor Friedrich Hermann Smend zum Konsistorialrat in Münster berufen wurde, hätte nach Lengericher Gewohnheit Pastor Röttger in die 1. Pfarrstelle aufrücken müssen.

Es kommt aber zu Problemen. Ihm wird vorgeworfen, Sohn eines Hohner Heuermanns und "nur Missionar" zu sein.

Röttger kann sich in Lengerich nicht halten und wechselt nach Lotte.

Wilhelm Bossart

R. Kobmann

Die Neubesetzungen:

Pfarramt 1:
Rudolf Kobmann

(bis 1891, bereits Superintendent in Lotte)

Pfarramt 2:
Wilhelm Bossart

(bis 1891, dann 1. Pfarrstelle bis 1895)

Kerzenständer (1864) mit Abendmahlskelch (1914)

1864

In Abkehr von der strengen reformierten Ausrichtung erhält die Stadtkirche wieder aufwendige Kerzenständer.

Vor den Toren Lengerichs wird die "Provinzial-Irrenanstalt" eröffnet, die bereits zwei Jahre später umbenannt wird in "„Provinzialheilanstalt Bethesda“.

1871

Lengerich hat 6.068 Einwohner

1872

Die Kreissynode Münster wird gegründet. Das Gebiet fällt somit nicht mehr in die Zuständigkeit der ev. "Diöcese Tecklenburg".

1873

Zwei neue Märkte können in Lengerich stattfinden.

Noch gilt es als sebstverständlich, auf jüdische Feiertage Rücksicht zu nehmen.

1875 -1918

spielt der Lehrer Julius Beccard im Nebenamt die mächtige Breidenfeld-Orgel.

1882

In der Kalkindustrie arbeiten 126 Menschen, in der Metallverarbeitung 50.

 

 

Die Feuerwehr verhindert ein Abbrennen der Stadtkirche.

Erfolgreiche Feuerwehr 1882

1884

Als evangelische Stiftung öffnet das städtische Krankenhaus Bethania.

1890-93

Umbauarbeiten an der Stadtkirche:
u.a. wird eine Dampfheizung eingebaut.

Am Turm wird außerdem eine weithin sichtbare Uhr angebracht.

Im Haus ganz hinten links war der erste Kindergarten (nördlich Bergstr. 5, abgerissen)

1891

Der erste Kindergarten öffnet am damaligen Westende der Schulstr.

1894

Der Rasen um die Kirche wird eingezäunt und erhält die Warntafel:
"Rasen betreten und Steine werfen bei Strafe verboten."

Lengerich 1896

Durch "fremdes Volk" (Industriearbeiter) wächst die Zahl der Evangelischen in Lengerich auf 6.200 Mitglieder.

In der Gemeinde werden 197 Kinder getauft, 136 Gemeindeglieder beerdigt. 51 Paare werden getraut. 137 Jugendliche werden konfirmiert.

1895

Es wird beschlossen, die bestehenden Privatplätze in den Bankreihen auslaufen zu lassen.

Die Gottesdienstliturgie wurde nun auch in Lengerich umgestellt auf die preußische Kompromiss-Agende von 1834 mit den Melodien von Bortnjanski mit dem Erfolg, dass die Gottesdienstbesucher zunehmend auch zu der Eingangsliturgie kamen und nicht erst zum sogenannten  "2. Singen".

Schulstr. 52 ca. 1898

1897

Das als GmbH gegründete Vereinshaus in der Schulstr. 52 wird in den Dienst gestellt (Predigt Friedrich von Bodelschwingh) und von der Kirchengemeinde für Gemeinde-Veranstaltungen genutzt. Kirche beschränkt sich nicht mehr auf Gottesdienste und Konfirmandenunterricht.

1914 wird das Vereinshaus um einen Saal erweitert, 1922 von der Kirchengemeinde erworben. 

Lengerich 1911

1899

Die Kirchengemeinde reagiert auf das Wachstum mit der Gründung einer Hilfspredigerstelle (für die Predigtdienste in den Wechter Schulen), die zum 1.10.1905 in eine ordentliche 3. Pfarrstelle umgewandelt wird (nun aber mit Schwerpunkt Hohne).

1896- 1911

Acht Fenster werden ausgetauscht (Windmöller-Stiftung, Familie R. Hölscher), darunter das Fenster Jesus bei Maria und Martha.

***

Chorraum der "reformierten" Stadtkirche vor 1893 mit den Tafeln:

  • Johannes 3,16: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben«
  • Lukas 10,27: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst.«

Das schwarze Tuch weist übrigens noch hin auf die reformierte Tradition des Abendmahltisches (statt Altar).

Die "unierte" Kirche nach Abschluss der Renovierung (1911) mit dem Fenster Jesus bei Maria und Marta (unten Reformatoren):

20. JAHRHUNDERT

Lengerich 1900: Sicht auf Lengerich über den Friedhof auf Stadtkirche mit Rathaus und den Schornsteinen von Banning, Rietbrock, W&H. Sicht auf Hohne von Westen mit u.a. vier Kalk- / Zementwerken, Katholischer Kirche, Bahnhof an der Lienener Str., Schule Hohne II.

vor 1903

Alter Zugang (Südportal)

1901

Zwei weitere Glocken werden angeschafft, die aber 1917 zu Kriegszwecken schon wieder eingeschmolzen werden.

1904

Die Rektoratsschule wird aufgelöst.

1907

entsteht in Hohne eine zweite Predigtstätte in der "Kleinkinderschule".

1909

Wurde bisher der Konfirmandenunterricht erst nach Abschluss der Schule gehalten, so beschliesst nun das Presbyterium, ihn mit dem Schulabgang enden zu lassen.

An den drei Unterrichtsorten (Sakristei, Vereinshaus, Hohner Betsaal) kommen ca. 400 Jugendliche zusammen. Unterrichtet wird vormittags, für die Konfirmanden (2. Jahrgang) kommt noch ein Nachmittagstreffen von 2 Stunden hinzu.

Nicht zu vergessen: "Nach der Konfirmation sind die Konfirmierten ein Jahr lang am ersten Sonntag eines jeden Monats zu einer seelsorgerlichen Besprechung zu versammeln." (Dienstanweisung für 3. Pfarrbezirk 1917)

Detail der Ausschmückung der Altarnische im Chorraums rechts

Während der Ausmalung

1910 - 1911

Der Osnabrücker Kunstmaler Kruse erhält den Auftrag, die Kirche auszumalen.

Außerdem erhält die Kirche eine Gas-Beleuchtung.

Eine weitere Tür wird in die Nordseite gebrochen.

 

 

Vortlage-Epitaph an seiner alten Stelle unter dem 1. Fenster links im Chorraum

1914

Die Glocken wurden im ersten Weltkrieg enorm strapaziert: bei jeder eintreffenden Siegesmeldung am Vormittag hatten sie mittags eine Stunde zu läuten, kam die Nachricht nachmittags, eine Stunde Geläut zwischen 17 und 18 Uhr.

Die Gemeinde hat 9.500 Mitglieder.

1916

Im Vereinshaus wird ein Hort mit 40 Kindern eingerichtet, damit die Mütter der Kriegsindustrie zur Verfügung stehen.

1917

Umzug des 2. Pfarramts von der Münsterstr. 19 zur Bahnhofstr. 59, nachdem in Hohne ein Pfarrhaus für den 3. Bezirk gekauft wurde.

Im September gründet sich die Deutsche Vaterlandspartei (DVLP). Pfarrer Kerstein ist Kassierer im Lengericher Ortsverein.

Superintendent Meyer

1918

Die patriotischen Predigten werden leiser. Letztendlich Schuld am Kriegsausgang sei die Novemberrevolution, man werde "in Wehmut eingedenk bleiben der großen Verdienste" des Kaisers. Dem Kirchenvolk geschehe nun die "wohlverdiente Züchtigung". (Lengericher Pfarrer und Superintendent Meyer auf der Synode 8.1.1919), denn "an die Stelle der idealen Güter [trat] die materielle Welt mit ihrem Glanz und ihrem Genuß... Unsere Nation starb von eigener Hand." (Meyer 10.9. 1919 auf der Synode)

Nicht nur in Lengerich hält sich die Uneinsichtigkeit über selbstverschuldetes Kriegsleid, wie u.a. der oben genannte Aufruf zeigt.

Welch Ausmaße die Geschichtsverzerrung nehmen konnte, zeigt sich auch am 1. Entwurf für ein Kriegerdenkmal in Hohne. Architekt Schöler (1922):

"das Vaterland (der Adler) dankt seinen Helden mit dem verdienten Lorbeer. Dieser Lorbeer kann und darf nicht genommen werden, das ganze deutsche Volk hat Anrecht daran, deshalb beugt er sich - denn auch den Ruhm der reinen, blanken Waffe, der ehrlicher Gesinnung möchten uns die  Feinde rauben - wie in schützender Wut über den seinen Helden gespendeten Lorbeer..."

1925

Wegen rechtsradikaler oder antisemitischer Einstellungen wird keine Kirchenzucht geübt  (Ausschluss vom Abendmahl). Anders verhält sich das Presbyterium, wenn Gemeindeglieder katholisch heiraten.

Kirchbuch 1928

1928

Fritz Löwenberg wird konfirmiert, Kind einer christlichen Mutter und eines jüdischen Vaters. Auffällig im Kirchbuch: der Vorname war offensichtlich nicht bekannt.

1929

Nach 18 Jahren erhält die Stadtkirche erneut einen Innenanstrich.

Die Heizung wird erneuert und wegen Gasaustritts wird die Beleuchtung auf elektrischen Betrieb umgestellt.

1930

Am Volkstrauertag wird das Mahnmal direkt an der Stadtkirche eingeweiht (Entwurf: Gustav Reich, Kamen; Figuren: Heinrich Bayer, Dortmund).

Damalige Meinung: "Jedenfalls aber dient das wohl ausgeführte Werk zum Schmuck der Kirche."

Das alte Denkmal wird seitlich versetzt an die Westtür (bis Mitte der 50er, dann abgebrochen).

Denkmal an der Südseite: Der Zeit entsprechend wird erfahrenes Leid angesprochen, angerichtetes aber ausgeblendet.

1931

Die Gemeinde kauft das Küsterhaus gleich östlich neben der Stadtkirche.

1932

Bei den Wahlen zeigt sich ein deutliches West-Ost-Gefälle. Erreicht die NSDAP über 50% in Wechte, Stadt, Settel, Ringel, so gelingt ihr das in den anderen Stadtteilen nicht. In Intrup und Hohne sinkt der Stimmenanteil sogar auf unter ein Drittel.

 

In Vorbereitung auf die preußischen Kirchenwahlen entstehen am 26. Mai die Richtlinien der "Glaubensbewegung Deutsche Christen":

 

Wir kämpfen für einen Zusammenschluß der im „Deutschen Evangelischen Kirchenbund“ zusammengefaßten 29 Kirchen zu einer Evangelischen Reichskirche...

Wir stehen auf dem Boden des positiven Christentums. Wir bekennen uns zu einem bejahenden artgemäßen Christus-Glauben, wie er deutschem Luther-Geist und heldischer Frömmigkeit entspricht...

Wir verlangen eine Abänderung des Kirchenvertrages (politische Klausel) und Kampf gegen den religions-und volksfeindlichen Marxismus und seine christlich-sozialen Schleppenträger aller Schattierungen...

Wir sehen in Rasse, Volkstum und Nation uns von Gott geschenkte und anvertraute Lebensordnungen, für deren Erhaltung zu sorgen uns Gottes Gesetz ist. ("Halte deine Rasse rein!")...

Wir wissen etwas von der christlichen Pflicht und Liebe den Hilflosen gegenüber, wir fordern aber auch Schutz des Volkes vor den Untüchtigen und Minderwertigen...

In der Judenmission sehen wir eine schwere Gefahr für unser Volkstum. Sie ist das Eingangstor fremden Blutes in unseren Volkskörper...

Wir wollen eine Evangelische Kirche, die im Volkstum wurzelt, und lehnen den Geist eines christlichen Weltbürgertums ab. Wir wollen die aus diesem Geiste entspringenden verderblichen Erscheinungen wie Pazifismus, Internationale, Freimaurertum usw. durch den Glauben an unsere von Gott befohlene völkische Sendung überwinden...

 

Stadtkirche Teil 3

 

*     Bilder mit freundlicher Genehmigung von Photohaus Kiepker
*** A. Ludorff 1893?

GEMEINDEBRIEFE FÜR VERTEILER

Am Dienstag, den 14.8.,
und am Mittwoch, den 15.8.,

werden die Gemeindebriefpakete an die Haustüren der Verteilende geliefert.

Das Abholen beim Gemeindebüro entfällt wegen der Corona-Krise.

Im neuen Gemeindebrief stehen u.a. die Namen der Jugendlichen, die ab Mitte August konfirmiert werden.

KONFIRMANDEN

Noch sind Sommerferien. Wie es danach weitergeht?

In den Gruppen kommen Schüler*innen aus verschiedenen Schulen zusammen. Da ist besondere Vorsicht geboten. Regelmäßige Treffen unter Normalbedingungen werden deshalb erst ab September stattfinden.

Anmeldungen
für die neuen Kurse (Jahrgänge Mitte 2007-2008) finden sich HIER.