Stadtkirche I

Kaiser Konrad III.

1147: Lengerich wird erstmals in einer Urkunde erwähnt.

Acht Wochen vor seiner Teilnahme am 2. Kreuzzug liegt Kaiser Konrad III. an einem Landfrieden.

 

 

 

"Liggerike" in der Herforder Urkundenversion von 1147

Auf Betreiben von Wibald von Stablo bestätigt er deshalb der Herforder Abtei Besitzungen und Privilegien u.a. in dem neuen Kirchspiel Ibbenbüren, Lengerich, Lienen.

Text Heberolle Ende 12. Jh.

Heberollen aus Herford belegen, dass damit verbundene Steuern wenig später erfolgreich eingetrieben wurden (5 Höfe in Hohne, jeweils 1 in Amicthe und Wechte).

Herforder Einkünfte 1751

Bis zur Säkularisierung 1802 konnte die Herforder Abtei ihren Einfluss auf das Gebiet von Ibbenbüren bis Lienen zumindest bei der Besetzung der Pfarrstellen halten.

 

 

Ob dieses Steuerprivileg auf das Jahr 838 zurückgeht, als Ludwig der Fromme den Zehnten (Vorläufer der Kirchensteuer) aus Rheine, Wettringen und Schöppingen den Herfordern zuschlug? Wir wissen es nicht, denn das Gebiet von Ibbenbüren, Lengerich bis Lienen war im Mittelalter ständiger Zankapfel zwischen dem Herforder Stift und dem Bistum Osnabrück und wenig zimperlich schreckte man auf beiden Seiten auch vor Urkundenfälschung nicht zurück...

Genauso im Dunkel liegt das Wissen über eine eventuelle erste Holzkirche in Lengerich. Irgendwann ab dem 9. Jahrhundert? Nicht einmal die Ausmaße sind bekannt.

Die ersten Kirchen

Bei Ausgrabungen gefundene Fundamentreste der 1. und 2. Kirche

Anders ist es bei der ersten Steinkirche aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts (1149 im Streit mit Ladbergen erwähnt?). Ausgrabungen ergaben eine Kirche mit nur 5,5m Breite.

1179: Graf Simon unterwirft sich Heinrich dem Löwen.

1189: Graf Simon nimmt teil am 3. Kreuzzug unter dem Staufer-Kaiser Friedrich I. "Barbarossa", bleibt aber auf Seiten der Welfen.

1214: Graf Otto I. unterliegt dem Staufer-Kaiser Friedrich II. und beteiligt sich 1217 am Kreuzzug von Damiette.

Süd-Portal von 1250

Um 1250 wurde die erste Steinkirche abgerissen und durch eine doppelt so große ersetzt. Von dieser Kirche sind bedeutende Teile der Südmauer mit dem romanischen Portal erhalten.

 

 

 

 

 

 

 

Rolevink 1474: "In Lengerke sancta Margareta solennem habet memoriam cum miraculis pluribus. Et est ibi passagium grande frequens & copiosum per singulos annos."

1327: Kurz vor seinem Tod lässt Graf Otto IV. von Tecklenburg in der Kirche einen besonderen Margareten-Altar errichten. Wallfahrer kommen nun zumindest am Margaretentag nach Lengerich. So schreibt Werner Rolevink 1474:

"In Lengerich hat die heilige Margareta ein Ehrenmal mit vielen Wundertaten. Auch gibt es da große Wallfahrt, häufig und aufwendig, Jahr um Jahr."

Die Heilige Margarethe von Antiochien galt in Lengerich als wundertätig.

 

 

1328: Die Grafschaft Tecklenburg hat ihre größte Ausdehnung und reicht von Greven, Bevergern bis Friesoythe und Cloppenburg. Bis 1358 gehört sogar die Grafschaft Schwerin dazu.

 

 

 

 

 

 

Turm von ca. 1350

In dieser Zeit wurde der bis heute bestehende, bereits gotische Turm an die 2. Steinkirche angebaut.

 

 

 

 

 

 

Ritzzeichen auf der Glocke mit den Attributen der heiligen Katharina: Rad, Krone, Schwert.

Kurz danach wird die älteste der Glocken Einzug gehalten haben, die sogenannte Katharinen-Glocke.

1398: Der münsterische Bischof Otto von Hoya schließt Bündnisse gegen Tecklenburg mit dem Grafen von Bentheim und seinen Brüdern und Vettern, dem Bischof Johann von Paderborn und den Grafen von Hoya.

1400: Nach der verlorenen Fehde gegen dieses Bündnis schrumpft die Grafschaft erheblich. Greven, Bevergern, Cloppenburg und Friesoythe müssen an das Bistum Münster abgetreten werden.

Bescheiden sind im Vergleich dazu die Forderungen aus dem Bistum Osnabrück: Ein Drittel der Einnahmen aus Vigilen und dem Margaretentag der Stadtkirche erhält nun das Kloster Iburg.

Wirren während der Bauzeit

Die Ereignisse von 1493 nach Dietrich Lilie (+1578): 24. Jan. Gefangennahme des Vaters, Befreiung Mitte Juli ("um Margarethe")

1493: Graf Nikolaus III. ("der Böse") wird von seinem Sohn Nikolaus abgesetzt. Der ältere Sohn Otto befreit ihn. Durch die Vermittlung von Wilhelm von Jülich wird Nikolaus III. auf die Herrschaft Lingen begrenzt.

Zu dieser Zeit ist Friedrich Herwech der von Herford beauftragte Inhaber der 1. Pfarrstelle von Lengerich. Er lebt aber 1490- 1502 außerhalb von Lengerich und lässt sich vor Ort durch Johann Schomeker vertreten. Die Gebühren für Kirche und den Margaretenkult werden weiter an das Bistum Osnabrück abgeführt.

Fertigstellung der heutigen Kirche

Luftansicht

1497: Die neue Stadtkirche ist als spätgotische, asymmetrische Hallenkirche mit nur einem (verkürzten) Seitenschiff fertiggestellt. Die Sakristei ist dabei als letzter Anbau denkbar.

Die Einweihung erfolgt am 26. April (Tag nach dem Fest des Heiligen Markus).

 

Eine von vielen Besonderheiten der Stadtkirche: die Last des Gewölbes ruht auf nur einer Säule.

Übergang alter Turm (nach 1350) zum neuem Kirchenschiff (1497)

Die Beibehaltung von Südmauer und Turm der Vorgängerkirche führen zu manchen eigenartigen Übergängen.

So verfehlt das neue, spitzwinklischere Dach die Turmmitte und verdeckt teilweise Schallöcher.

 

 

 

"... du, heilige Maria, und du, Lucia, empfange gleiche Ehren. Als des Tempels gemeinsamer Ehrentitel soll Margarete gelten... "

Die Inschrift des Weihesteins nimmt Bezug auf die Tecklenburger Grafen, "die Steine lieferten." Dabei wird es sich um die Brüder Otto VIII. und Nikolaus IV. handeln, die auch nach dem Tod des Vaters (1508) gemeinsam auf der Tecklenburg regieren, bevor Otto seinen Bruder in Schale überfällt und gefangen setzt.

Nach einem Jahr teilen sie die Grafschaft unter sich auf (Nikolaus erhält Lingen, Otto Tecklenburg/Rheda).

Ein direkter Bezug zur Abtei Herford besteht anscheinend nicht mehr, obwohl Herford auf einem Mitspracherecht besteht bei der Besetzung der 1. Lengericher Pfarrstelle (bis 1802).

Stattdessen wurden 18 Gulden für die Weihung der neuen Stadtkirche "sukzessiv" an den Offizial des Bistums Osnabrück gezahlt.

Steuerliste 1494

Beim Bau der Stadtkirche ist die Einwohnerzahl Lengerichssehr überschaubar: gerade einmal 20 steuerpflichtige Höfe werden 1494 genannt.

 

 

 

 

 

 

Wittius (1778)

1505: Die Kirche erhält eine weitere, die "Margareten-Glocke" (von Walter Westerhues gegossen), bevor sich 1508/09 die beiden Grafensöhne zerstreiten (nach der Ehe von Nikolaus IV mit Eva von Nassau-Beilstein. Nach einem Jahr Gefangennahme durch den Bruder erhält Graf Nikolaus die Grafschaft Lingen).

1513: Graf Nikolaus stellt sich gegen seinen Bruder unter den Schutz des Herzogs von Jülich und Berg, 1526 unter den von Herzog Karl von Egmond (Geldern).

1524: Graf Otto überlässt die Herrschaft Rheda seinem Sohn Konrad.

Reformation

Mechthild von Hessen in der Tecklenburger Kirche

1527: Graf Konrad (*1493) heiratet die bereits evangelische  Mechthild von Hessen (*1490). Erst mit der Hochzeit führte er die Reformation ein, allerdings nur an der Schloßkapelle in Rheda, wo er bis zum Tod des Vaters regiert (1534).

1521 waren die beiden auf dem Reichstag in Worms, um sich von Kaiser Karl V. die Privilegien und Regalien für die Grafschaft Tecklenburg bestätigen zu lassen und um die Grafschaft Schwerin zurück zu gewinnen. Ob sie sich dabei von Martin Luthers Verhör beeindrucken ließen?

Oft wird Graf Konrads Aufenthalt am Hof des 8 Jahre jüngeren Landgrafen Philipp von Hessen bemüht, um frühes Interesse an der Reformation zu begründen. Der Landgraf ist aber erst Mitte 1524 durch Melanchthon's Briefe und dessen "Summa" tolerant gegenüber Reformatoren, bevor er sich 1526 offen zur Reformation bekennt.

Tecklenburger Lande zur Zeit der Reformation

Ob Hermann Keller (Amtsantritt 1527) am Hof in Tecklenburg die Reformation einführt, ist ebenso fraglich, denn Graf Otto bleibt bis zu seinem Tod (1534) katholisch wie auch Graf Konrads Geschwister.

Das Kirchenbuch Wersen berichtet außerdem wenig schmeichelhaft, dass Keller ""vor trunckenheit offt auff der Cantzell kaum aufrecht stehen" konnte und sich durch Herrn Johan Husman vertreten ließ".

Konrad von Tecklenburg. Aus diesem Bild könnte man das Geburtsjahr 1501 erschließen (Rudolf Rübesam, sonst 1493).

15.10.1534: Graf Konrads übernimmt die Regierung in der Grafschaft Tecklenburg.

Sein Bruder Otto (+1562) wird für verrückt erklärt und abgefunden, die Schwester Anna wird unter Erbverzicht mit Philipp Graf von Solms-Braunfels verheiratet.

Erst jetzt lässt sich reformatorische Predigttätigkeit in der Grafschaft Tecklenburg nachweisen durch:

  • Johannes Pollius
    (1534 aus Soest zurückgerufen. Bis 1543 in Rheda, danach Superintendent in Osnabrück)

  • Jacob Leidigen
    (1535 aus Lippstadt vertrieben. Bis 1541 Schale, dann Lingen).

Im Gegensatz zu seinem Onkel Nikolaus IV. verhält sich Konrad neutral bei der Bekämpfung der Täufer in Münster.

1538: Graf Konrad tritt als einziger westfälischer Landesherr dem Schmalkaldischen Bund bei.

1540: Graf Konrad setzt in Ibbenbüren Hieronymus Grest als Pastor ein, der "dat lutter und reine wort gots lernen, vortragen und predicken und darby de evangelischen ceremonien recht holden und brucken sal." Grest muss 1547 Ibbenbüren verlassen.

Nachdruck 1870

1543: Noch vor Osnabrück verfasst Graf Konrad "alß eine van Gade verordente Overheet" eine landesherrliche, lutherische Kirchenordnung, die ihm erlaubt, direkt ins kirchliche Leben einzugreifen.

In einer Nacht- und Nebelaktion lässt Graf Konrad in der Sakristei der Stadtkirche den Vertrag austauschen, den der Priester Johann Groppiker mit der (katholisch bleibenden) Herforder Äbtissin Anna von Limburg-Styrum abgeschlossen hatte.

Grabplatte Graf Konrads in der Tecklenburger Kirche

1546: Graf Konrad fällt unter Reichsacht. Ohne Unterstützung vom Schmalkaldischen Bund muss er kapitulieren und tritt 1547 die Grafschaft Lingen an Kaiser Karl V. ab.

Nur die Grafschaft Tecklenburg kann evangelisch bleiben.

 

 

 

 

 

 

 

 

Graf Eberwin III.

1553: Konrads Tochter Anna wird mit Eberwin von Bentheim-Steinfurt verheiratet.

1557 stirbt Graf Konrad. Es kommt zu heftigen Konflikten zwischen seinen Nachfolgern Anna und Eberwin.

1560: Gräfin Anna sichert sich die Herrschaft über ihre Erblande Tecklenburg und Rheda.

1562: Nach dem frühen Tod ihres Mannes übernimmt Gräfin Anna 11 Jahre lang die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn.

Sie erlässt auch eine Kirchenordnung, über deren Inhalt ist allerdings nichts überliefert. Verfasser war der aus Utrecht stammende Hermann Meßmacher, ein Anhänger Calvins.

1565: Gräfin Anna entlässt den Hofprediger wegen seiner reformierten Tendenzen als er z.B. die Bilder in der Bentheimer Hofkapelle entfernen ließ.

1573: Auch nach dem Regierungsantritt ihres Sohnes Arnold behält Gräfin Anna das Sagen in der Grafschaft Tecklenburg (bis zu ihrem Tod 1582).

1574: Mit Johannes Blomendal erhält Lengerich von ihr den ersten lutherisch geprägten Pastor, der bleibt. Zuvor war er in Meppen, ab 1565 in Tecklenburg gewesen. Er starb 1607.

Fortführung der Reformation

Graf Arnold (+1606)

1573: Nach Studienaufenthalten in Jülich, Straßburg und Kassel heiratet Arnold II. von Bentheim (*1554) am 26. Juli die reformierte Magdalena von Neuenahr-Alpen. Wieder steht ein landesweiter Wechsel der Konfession an:

1575: Am 5. Dezember ließ Graf Arnold durch den reformierten Pfarrer Johannes Kemener an der Bentheimer Schloßkapelle das Abendmahl nach der reformierten Lehre feiern.

1584: Der 24jährige Johann von Münster beginnt auf Gut Vortlage mit Hausandachten für Familie und Gesinde, die sich am Heidelberger Katechismus orientieren.

Kirchenordnung von 1588

1588 wird das reformierte Bekenntnis zur Norm durch eine Kirchenordnung in enger Anlehnung an die von Moers und der Kurpfalz (Heidelberger Katechismus).

Der Gottesdienst wird als Predigtgottesdienst gestaltet (Singen von Psalmen, Predigt, Sündenbekenntnis, Fürbitte, Glaubensbekenntnis, Segen). In der Stadtkirche wird u.a. das noch bestehende Sakramentshäuschen entfernt und die steinernen Altäre werden durch einen Holztisch ersetzt unter Verwendung von Weißbrot statt Oblaten beim Abendmahl.

Lengerich erhält vom Grafen eine zweite (schlechter bezahlte) Pfarrstelle.

17. Jahrhundert

Vortlage Epitaph

1613: Auf Veranlassung von Johann von Münster zu Vortlage (* 1560) werden in der Stadtkirche die alten Wandmalereien übertüncht.

Stattdessen werden Schrifttafeln aufgehängt, die mit weiteren Bibeltexten helfen sollen, sich ausschließlich auf das Wort Gottes zu konzentrieren.

Für seine Eltern [Gerhard +1567, Anna Santmans +1562] macht er allerdings eine Ausnahme: deren monumentaler Epitaph ziert bis heute die Nordwand des Chorraums.

Weitere Epitaphe der verschiedenen Linien des Hauses Marck kommen hinzu.

 

 

1619: Erst jetzt lässt Graf Adolph die reformierte Kirchenordnung von 1588 drucken "zur Erhaltung guter Ordnung in Kirchen und Schulen."

Diese Bentheim-Tecklenburger Kirchenordnung blieb bis 1713 in Geltung, als sie durch die preußische ersetzt wurde.

 

 

 

Ort des Conclusums (das historische Gebäude ist abgerissen)

1645: Am 10. und 11. Juli finden Vorverhandlungen zum Westfälischen Frieden (Lengericher Conclusum) statt.

Haus Vortlage und Haus Marck schieden damals wegen ihrer Kriegsschäden aus. Ob die 12 kaiserlichen und kurfürstlichen Delegierten in der Stadtkirche getagt haben?

1671 erhält die Stadtkirche eine neue Orgel, von der heute genau so wenig bekannt ist, wie von ihrer Vorgängerin.

 

 

1681: die bei Johann von Münster zu Vortlage bereits erwähnte Empore wird verlängert.

Die Südempore folgt erst 1837 (1956 Abriss).

 

 

Kronleuchter in der Sakristei

1686: Durch die Emporen wird es in der Stadtkirche wesentlich dunkler. Nach und nach werden Messing-Kronleuchter angeschafft.

Die Kirche ist komplett!

Stadtkirche Teil 2

TROMPETE UND ORGEL

Konzert mit Werken von Telemann, Bach, Mendelssohn-Bartholdy u.a. Texte zu Psalmen von Hans-Dieter Hüsch. Mit Simone Schnaars (Orgel), Reimund Schnaars (Trompete) und Rolf Krebs (Texte). Eintritt frei.

SO 1. Oktober, 17 Uhr, Hohner Kirche (Lienener Str. 109)

REFORMATION

Auf dem Weg zum 500. Jubiläum des Reformationstages am 31 Oktober 2017 lädt die Evangelische Kirchengemeinde Lengerich dazu ein, sich mit ausgewählten Themen der Reformation näher zu beschäftigen.

10. Oktober: Waldenser und schweizer Reformation (Klöpper)
18. Oktober: Frauen der Reformation (Liening)

Alle Veranstaltungen beginnen um 19 Uhr im Martin-Luther-Haus.

FESTE BURG

Kinderbibelwoche (4 – 11 Jahre)
23.- 25. Oktober,
15 bis 17.30 Uhr im Martin-Luther-Haus